Atelierhaus Flittard
Entstehungsgeschichte
Das Atelierhaus Flittard verdankt seine Existenz einem Brand in den Clouth-Werken im Herzen Kölns. Und einer unglaublichen Verkettung von glücklichen Umständen. Sie ermöglichten ein städtisches Künstlerprojekt, das mit seinen einzigartigen Konditionen Vorbild für die Kunststadt Köln sein sollte.
Die Clouth-Werke, eine traditionsreiche Gummifabrik in Nippes befanden sich nach 150 Jahren im Niedergang. Mit der schrittweisen Schließung von Produktionsbereichen siedelte sich von 1995-1999 eine Kolonie mit über 60 Künstlern in den freiwerdenden Hallen an. Ein Ideal wie aus dem Bilderbuch: Ein kreativer Mikrokosmos inmitten einer noch rauchenden, lauten, stinkenden Produktion, Arbeiter in Blaumännern, Gabelstapler, Lastwagen, eine Kantine, in der auch die Künstler firmensubventioniert für 1,50 DM essen durften, dazu billige Mieten, kaum Auflagen für die Umbauten und das Ganze in einem der attraktivsten Stadtviertel Kölns.
Nach dem endgültigen Aus von Clouth übernahm die Stadt Köln das Gelände und wollte hier eine Wohnsiedlung bauen lassen. Doch viele der Künstler wollten oder konnten trotz Kündigung und Gefahrgutachten nicht gehen. Sie hofften – wie vom Rat der Stadt Köln beschlossen – auf einen adäquaten Ersatz. Es folgte eine jahrelange Zitterpartie zwischen Duldung und enttäuschter Hoffnung, mehr und mehr wollte man die Künstler für den Profit an der Wohnanlage und dazu in Gutachten belegter Verseuchung und Brandgefahr auch ohne für sie brauchbaren Ersatz vom Gelände haben.
2006 kam es tatsächlich zu einem Brand – allerdings aufgrund von Schweißarbeiten eines Schrotthändlers, der alte Fabrikanlagen demontierte. Zufällig wurden eine Künstlerin und ich Zeugen des Vorfalls und es gelang uns mittels eines Feuerlöschers, eine größere Katastrophe zu verhindern. Dieser Brand sollte die Initialzündung für das Atelierhaus Flittard sein, das schicksalhaft wie Phönix aus der Asche entstand. Doch eins nach dem anderen:
Der für die Freistellung von Clouth zuständige Liegenschaftsbeamte war in Urlaub. Just in dieser Zeit bekam sein Vertreter eine alte Hauptschule in Flittard vom Land NRW zurück, die vormals als Asylbewerber-Unterkunft gedient hatte und seit über 2 Jahren leerstand. Als er gleichzeitig den Brand im Clouth und seine Folgen zur Bearbeitung bekam, bot er kurzerhand den Künstlern die Schule als kurzfristigen Ersatz an.
Der Ortstermin mit nur gut einem Dutzend Künstlern und Beamten fiel ernüchternd aus. Von 2000 m² ausgewiesener Gebäudefläche waren nur knapp 900 m² für mögliche Ateliers geeignet. Der Rest waren Keller, großzügige Flure und Gänge, Treppenhaus, Toilettenanlagen und sonstige Gemeinschaftsflächen. Außerdem hatten die Räume recht schmale Zugänge, das Gebäude war zugewachsen bis unters Dach, von hohen Bäumen umgeben und lag inmitten einer Wohnsiedlung, am Rande der Stadt, fast Leverkusen, rechtsrheinisch, mit schlechter Anbindung, nur über den letzten Bus erreichbar – alles andere als ein adäquater Ersatz. Die Künstler mussten enttäuscht ablehnen.
Ich sah trotzdem eine Chance für ein neues Atelierhaus und bot den Sachbearbeitern an, bei den übrigen Clouth-Künstlern für das Gebäude zu werben oder andere Künstler zu finden. Doch die Stadt wollte die Schule nur zur Freistellung der Clouth-Werke in Aussicht stellen, zu einer ortsüblichen Miete, mit Beteiligung an den Umbaukosten und maximal 3 Jahre befristeten Mietverträgen. Konditionen, zu denen keiner der Clouth-Künstler ernsthaft mitziehen wollte. Sie bestanden auf einen adäquaten Ersatz.
Was also war noch drin? Ein weiteres Gespräch mit dem Vorsitzenden des Liegenschaftsausschusses des Kölner Rats über die Möglichkeiten eines neuen Atelierhauses zu wesentlich besseren Konditionen als allgemein üblich verlief erfreulich – er sah Flittard als echte Perspektive.
Die Sachbearbeiterin im Kulturamt freute sich. Sie war ein echter Glücksfall, kompetent und auch nach langer Zeit im Amt noch voller Ideale. Für sie wurde ich zum alleinigen Ansprechpartner. Wir handelten einen vortrefflichen Mietvertrag aus, in der Hoffnung, doch wenigstens ein paar Clouth-Künstler nach Flittard zu ziehen: Er war langfristig angelegt,
das Gebäude und das Gelände wurden den Künstlern zum Selbstkostenpreis angeboten, den Atelier-Ausbau wollte die Stadt bezahlen. Sogar eine moderne Heizung war geplant. Außerdem sollten die Künstler das Haus als selbstverwaltete Künstlergemeinschaft erhalten und nicht, wie üblich, mit Einzelmietverträgen und Vermietervollmachten der Stadt Köln.
Die Künstler selbst sollten als Solidargemeinschaft nicht nur für die Instandhaltung zuständig sein, sondern auch für die Vermietung. Niemand sollte von außen mehr als nötige Auflagen machen und die Zusammensetzung der Künstlergemeinschaft fremdbestimmen können.
Doch dieser künstlerfreundliche Mietvertrag stand auf wackligen Beinen. Die Sachbearbeiterin befürwortete ihn zwar klar, warnte aber davor, dass er vom Kulturamts-Leiter in dieser Form wohl abgelehnt werden würde. Oder dass die Ateliers vielleicht errichtet, die Künstler aber vom Kulturamt ausgesucht werden würden. Ich setzte auf Alles oder Nichts und bestand auf dem ausgehandelten Mietvertrag für uns Clouth-Künstler.
Hier kam ein weiterer Glücksfall hinzu. Einen Tag, bevor ihm der Mietvertrag vorgelegt wurde, ging der Amtsleiter überraschend in den Vorruhestand! Und es kam noch besser –
die Sachbearbeiterin selbst erhielt nun die kommissarische Leitung. Doch mit der neuen Verantwortung kamen ihr Bedenken angesichts des äußerst wohlwollenden Vertrags. Sie wollte Selbstverwaltung, Selbstkostenpreis und Langfristigkeit streichen, damit der Vertrag beim verantwortlichen Dezernenten durchging. Ich aber blieb hartnäckig und schließlich zog sie mit.
So unglaublich es klingen mag: Der Vertragsentwurf lag bereits im Posteingang des Dezernenten, da ging dieser von heute auf morgen ebenfalls in den Vorruhestand. Und die kommissarische Leitung übernahm nun wieder – die Sachbearbeiterin. Aber es gab noch eine weitere Hürde: Bei diesen Konditionen musste auch der Rat der Stadt Köln zustimmen. Wieder drängte sie, den Vertrag zu überdenken, zumal jetzt klar war, dass die Clouth-Künstler endgültig nicht mitziehen würden. Und wenn der Rat ablehnte, gäbe es möglicherweise gar kein neues Atelierhaus. Aber nach dieser jahrelangen Odyssee blieb es beim Alles oder Nichts!
Doch das Kulturamt staunte nicht schlecht, denn der Rat der Stadt Köln entschied sich über alle Parteigrenzen hinweg klar für unseren Mietvertrag. Vielleicht gerade, weil er auf Selbstverwaltung, Gemeinnützigkeit, Selbstkostenpreis und Langfristigkeit zielte!
Das Atelierhaus konnte endlich Realität werden. Aber immer noch fehlten die Mitstreiter,
denn die Clouth-Künstler blieben trotz Top-Konditionen bei Ihrem Nein. Und auch sonst fand sich zunächst kaum ein Künstler, der dorthin wollte.
Einmal abgesehen von all den baulichen Schwierigkeiten und der Grenzlage zu Leverkusen sah das Haus wirklich übel aus. Kaum vorstellbar für die Mehrheit der Künstler, dass man daraus ein Atelierhaus bauen könnte. Das Land NRW hatte die Klassenräume mit billigsten Mitteln und lieblos eingezogenen Leichtbauwänden in kleine Mehrbettzellen zerstückelt, um möglichst vielen Asylanten Platz zu schaffen. Als das Gebäude später nicht mehr gebraucht wurde, hat sie es einfach liegen gelassen. Besonders die Jungen nutzten das Areal zunehmend als Abenteuerspielplatz und Kampfarena. Eingeschlagene Scheiben, leergespritzte Feuerlöscher, zerstörte Wände, heruntergerissene Raufaser, verbranntes Inventar. Als wir das Gelände besichtigten, sah es aus wie nach einem Abrissversuch.
Nach langem Suchen und zum Teil auch gutem Zureden fand sich doch noch eine Künstlerschaft, die das Potential erkannte, das in der alten Schule steckte. Mit großem Engagement machte sie sich daran, das Atelierhaus Flittard zu verwirklichen. Wir gründeten den Flitt.art e.V. und betreiben seitdem das Künstlerhaus, in dem wir, anders als in anderen Atelierprojekten, in Ruhe, ohne Konkurrenz um den städtischen Atelierraum und Mietwucher kreativ arbeiten können.
Besonders interessant ist das Atelierhaus Flittard für die Künstler im Alter – auch, weil es die Jugend nicht hier hinzieht. Wer sich vom Drang befreit, in einem hippen Stadtviertel in einem schicken Loft zum Aushängeschild der zeitgenössischen Künstler-Avantgarde zu gehören, wird die Vorzüge dieser ruhigen, bescheidenen Kreativ-Insel zu schätzen wissen.
Unser Mietvertrag mit seinen glücklichen Fügungen läuft noch bis zum Jahr 2028 – und dann? Wir hoffen, dass der Rat der Stadt Köln zu schätzen weiß, dass die Künstler des Flitt.art e.V. ein alteingesessenes, lebendiges, autarkes Mosaikstück in der Kölner Kunstwelt sind und dass er den künstlerfreundlichen Vertrag verlängern wird. Und wer weiß – vielleicht wird das Atelierhaus Flittard ein Modellprojekt der Stadt Köln sein, mit Vorbildcharakter für ihren Umgang mit Kölner Künstlern im Alter und ihre soziale Verantwortung ihrer kreativen Seele gegenüber.
Hans Christian Duvivier, Köln 2020